05.04.2021

Goodbye große Schwester

Ich habe mir selber eingeredet auf diese Situation vorbereitet zu sein. Und nach knappen 1,5 Wochen kann ich eins sagen: Einen Scheiß war und bin ich. Am 25.3. bekam ich morgens erst eine Freundschaftsanfrage und dann eine Nachricht von einer Freundin meiner Schwester. Sie würde, seit gestern, versuchen meine Schwester zu erreichen. Anrufe gingen nicht durch und auch Nachrichten in Messengern blieben ungelesen. Mein letzter Kontakt mit ihr war am 20.3. Wir haben uns noch ein paar Nachrichten geschickt. Unter anderem ein Foto von den Eichhörnchen aus dem Garten des Mannes. Ich wusste, dass sich ihr Zustand verschlechtert hatte. Ihr Chirurg hatte gesagt, dass er operativ nichts mehr machen könnte und sie auf Flüssignahrung umsteigen sollte. Habe ich mir in dieser Sekunde Sorgen gemacht? Absolut noch nicht. Ich dachte, sie sei vielleicht zu schwach zum aufstehen gewesen und hatte es deswegen nicht geschafft ihr Telefon zu laden. Ich war seltsamerweise ganz ruhig, obwohl ich sonst absolut zur Panik neige. Und auch ich habe in der Sekunde den Messenger gecheckt, den wir beide immer nutzten. Letztes Mal online am 23.3. mittags. Immer noch war ich völlig ruhig. Logisch denken war mein inneres Gefühl. Also ihre Freundin in Dublin kontaktieren. Ich wusste, dass da jemand einen Zweitschlüssel hat. Die Freundin las die Nachricht und ein paar Minuten später die Frage, ob sie anrufen könne. In mir war da noch kurz der Gedanke, dass meine Schwester eventuell nur gestürzt sei. Der aber sofort von einem anderen Gedanken vertrieben wurde. Dass sie von uns gegangen ist. 

Meine Erinnerungen an das Telefonat sind noch da. Auch die restlichen des Tages. Erstmal zusammenbrechen und eine Ewigkeit auf dem Boden liegen und weinen. Geschwister informieren. Kollegen und Chef anrufen. Sofort frei bekommen. Die Freundin kontaktieren, die mich morgens angeschrieben hatte. Versuchen einige andere Menschen zu kontaktieren. Schnell realisieren, dass es zu viele Menschen sind und ich keine Kontaktdaten habe. Abends einen Facebook Post verfassen, um damit möglichst viele Menschen zu erreichen. Der Mann beendet seinen Arbeitstag und kommt vorbei, um mich zu unterstützen. Immer wieder weinen. Abends mit wunden Augen ins Bett, wieder weinen. Schlafen, Freitag morgen aufwachen, realisieren was geschehen ist, und wieder weinen. Eine andere Freundin meiner Schwester anrufen, sagen was passiert ist. Erneut weinen. Mittags den Bruder treffen. Wir können nicht einfach nach Irland, es sieht aktuell immer noch so aus, als hatte meine Schwester kein Testament bzw. keinen letzten Willen. Ihre Freundinnen vor Ort unterstützen uns unglaublich. Sie fangen an Sachen in der Wohnung zusammen zu packen, schicken uns Dokumente und gucken nach einem Bestatter. Schnell ist klar, dass es aktuell nur eine Online Zeremonie geben kann.

Seit Monaten quälte mich die Befürchtung, meine Schwester nicht mehr lebend zu sehen. Sie nicht mehr umarmen zu können und einfach persönlich Zeit mit ihr zu verbringen. Das ständige Gefühl, dass uns die Zeit davon rennt. In den letzten Wochen ganz besonders. Die Befürchtung ist zur Realität geworden. Ebenso sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass nichts geregelt ist. Ich kontaktiere die Immobilien Agentur (bezüglich der Wohnung), Stromanbieter, Mobilfunkunternehmen und die Bank. Außerdem die deutsche Botschaft. Alle sind wahnsinnig hilfsbereit. Und ich lerne viel. Meine Schwester fällt nicht unter das deutsche Erbrecht, sondern unter das irische. Was vieles für uns erleichtern wird. Wie soll die Bestattung sein? Meine Schwester hat immer gesagt, dass sie eingeäschert werden will. In Irland darf die Asche danach mitgenommen werden. Schnell ist die Idee geboren, sie ins Meer zu verstreuen. Wenn wir irgendwann in der Zukunft wieder reisen können. Ist es das, was sie gewollt hätte? Immer wieder die Frage, ob wir alles in ihrem Sinn machen. Irgendwann das Gefühl der vollkommenen Überlastung. Ich spreche am besten Englisch und damit übernehme ich vieles. Eigentlich habe ich Urlaub. Ich muss jetzt durchhalten. Und vergesse darüber hinaus, tagelang zu trauern. 

Mittwoch, 6 Tage nach der Nachricht, ein Termin bei meiner Therapeutin. Mit der Erkenntnis, dass ich auch mal stopp sagen darf. Aus Gründen des Selbstschutzes. Meine Therapeutin ist wahnsinnig mitfühlend und im Laufe des Tages kann ich endlich wieder weinen. Etliche Leute melden sich bei mir. Ihre irischen Arbeitskolleginnen und Freundinnen bringen mir so viel Liebe entgegen, dass mein Herz überläuft. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Erfüllt von Trauer und Schmerz. Wir müssen damit umgehen, dass sie gegangen ist. Von einem Tag auf den anderen. Sie hat den Tod bekommen, den sie sich immer gewünscht hat. Friedlich im Schlaf. Sie hat sogar ein kleines Lächeln auf den Lippen gehabt. Der verfickte Krebs hat sie bis zum Ende nicht klein bekommen. Sie hat ihm im Tod noch ihr Lächeln gezeigt. Dass sie sich nicht mehr quälen muss, ist ein Trost. Wenn auch nur ein verdammt kleiner. Wir hätten sie alle lieber wieder zurück.

Stand heute: Noch keine Freigabe durch den Gerichtsmediziner. Fotos für die Trauerfeier zusammengesucht. Es müssen noch Papiere für den Bestatter ausgefüllt werden. Die Erkenntnis, dass Iren einfach unglaubliche und wahnsinnig warmherzige Menschen sind. So viele Dinge sind in den letzten Tagen passiert, die in Deutschland undenkbar wären. Immer wieder Momente, in denen ich meiner Schwester schreiben will. Um dann zu realisieren, dass ich es nie wieder kann. Den Schmerz zulassen. Weinen, wütend sein, diese ganze Pandemie verfluchen. Hoffen, dass wir irgendwann fliegen können, um Abschied zu nehmen und sie auf die letzte Reise zu schicken. Überrannt werden von allen Nachrichten und Emotionen. Feststellen, dass es auch in dieser Situation diese eine Person gibt, die das Feingefühl eines Holzhammers hat. Versuchen auch damit umzugehen. Ab morgen wieder arbeiten, um etwas Routine und Alltag zu bekommen. Was in den letzten Wochen verhasst war, aber jetzt dringend benötigt wird. 

Was ich aus dieser Situation mitnehme? Ich kann viel mehr, als ich denke. Ich habe das Recht, Grenzen zu ziehen. Und ich sollte dringend etwas von der Attitüde meiner verstorbenen Schwester übernehmen.

Worte können nicht ausdrücken, wie sehr sie mir fehlen wird. Auch wenn wir uns seit Juli 2019 nicht mehr gesehen haben. Seit ich geboren wurde, war sie da. Zwischendurch im Ausland. Aber auch da ist unser Kontakt nie abgebrochen. Wir haben beide unsere Fehler, aber wir haben einander viel bedeutet. Sie hat mich so oft darauf gestoßen, nicht immer alles so schwer zu nehmen und Dinge auch mal leichter zu sehen. Das Loch, welches sie hinterlässt, ist unglaublich riesig. Und ich hoffe, dass wir alles zu ihrer Zufriedenheit regeln werden. So dass sie stolz auf mich wäre. Vielleicht will sie mir auch einfach nur zeigen, was wirklich in mir steckt. Ich weiß, dass sie jetzt in Frieden ruht. Und das ist das einzige, was mich in dieser Situation tröstet: Krebs hat weder ihren Lebenswillen, noch sie selbst brechen können

30.12.2020

2020

Filme im Kino:
  • Knives Out (was für ein unglaublich gutes Whodunnit mit einem fantastischen Cast)
  • Queen & Slim (Rotz & Wasser geheult)
  • Jojo Rabbit (Rotz & Wasser am Ende geheult, und auf dem Heimweg noch von einem Typ verfolgt worden, der mich irgendwie attraktiv fand und es mir so zeigen wollte)
  • Weathering with you (Rotz & Wasser unterdrückt, aber geweint)
  • 1917 (ich hatte mehr erwartet und wir hatten vor uns ein Pärchen welches ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte. Warum geht man zum reden ins Kino?)
  • Little Women (mir fehlen bis heute ca. 15 Minuten des Films, weil ich dachte, dass meine unfassbar heftige Erkältung mittlerweile einen Kinobesuch zulässt. Ich habe mir dann minutenlang im Foyer die Seele aus dem Leib gehustet)
  • The Gentlemen (die Toddler, der letzte Film, den ich im Kino sah, am nächsten Tag wurde alles geschlossen)
  • The Empire strikes back (zum 40. Jubiläum in OmU, hatte was)

Ich hätte hier noch so gerne geschrieben, wie großartig The French Dispatch und Dune waren, aber wir alle wisse, was die Pandemie angerichtet hat


Filme im Streaming / Heimkino:
  • Bong Joon Ho's fast gesammelte Werke nachgeholt: Mother, Memories of Murder, The Host, Okja und Snowpiercer (alle großartig, aber Mother ist definitiv auf Platz 1)
  • Burning (und mit dem Mann danach noch stundenlang diskutiert)
  • Mr. Long (niemals hungrig gucken, ich freue mich so auf Chang Chen als Dr. Yueh in Dune)
  • Da 5 Bloods (Spike Lee kann es immer noch)
  • The Devil all the time (Tom Holland ist so gut)
  • How to build a girl (große Liebe für Beanie Feldstein)
  • Marriage Story (der Zusammenbruch von Adam Driver ist unglaublich, ansonsten geht mir aber auf den Sack. wie pro Mann der Film ist)
  • Enola Holmes
  • Apostle (Gareth Evans ließ mir das Blut streckenweise in den Adern gefrieren)
  • Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga 
  • Project Power
  • Tyler Rake: Extinction
  • Hostiles (Bale großartig wie immer, aber Rosamund Pike hat sie alle an die Wand gespielt. Timothée Chalamet taucht auch kurz auf, bleibt aber, wie immer, in Erinnerung)
  • SpongeBob Schwammkopf: Eine schwammtastische Rettung (Keanu Reeves, enough said)
  • Control (wie gut dieser Film einfach ist)
  • Boyz in the Wood (britischer Humor at its best)
  • OSS 117 - Der Spion, der sich liebte und OSS 117 - Er selbst ist sich genug (die Gesichtskirmes von Jean Dujardin und die deutsche Synchro von Oliver Kalkofe ist zum wegbrüllen, ich warte sehnsüchtig auf Teil 3)


Serien:
  • Gangs of London (lief in DE nur im PayTV, deswegen die BluRay aus UK bestellt. Gareth Evans hat sich hier selbst übertroffen, besonders in der 5. Folge. Ich freue mich unglaublich auf Staffel 2)
  • The Virtues (durch Zufall in der ARTE Mediathek entdeckt, Stephen Graham in der Hauptrolle und dann noch Shane Meadows als Regisseur. Das muss gut sein. Es hat mich am Boden zerstört und ist wahrscheinlich auf lange Sicht eine der besten Serien überhaupt. Schweres Thema, wie immer brillant von Meadows umgesetzt. Dass Teile der Serie autobiographisch sind, macht es noch schwerer erträglich)
  • Stranger Things Season 1-3 (alle die gesagt haben, dass das meine Serie ist: Ihr hattet Recht)
  • I'm not ok with this (wurde vom Mann endeckt, herrlich kurzweilig und erinnert an John Hughes Filme, leider keine zweite Season)
  • Aggretsuko (ich glaube, ich habe mich noch nie so in eine Serie verliebt. Und ich kann lachen wie Fenneko ha ha ha ha ha)
  • The End of the fucking world Season 1+2 (hat mir sehr gefallen)
  • Swedish Dicks (unbedingt angucken, witzig und mit einem ganz besonderen Gaststar, der den Funk hat)
  • The Boys Season 2 (ich liebe sie einfach)
  • Picard (hat mir gefallen, aber da geht bestimmt noch mehr)
  • Lunatics (Mr. Dick und die Registrierkasse)
  • After Life Season 1+2 (wie ich bei der ersten Season noch viel gelacht habe und bei der zweiten Rotz und Wasser heulte. Ricky Gervais hat da etwas ganz wunderbares geschaffen. Hier freue ich mich auf die dritte Season, auch wenn es definitiv die letzte ist)

In Momenten:
  • ich habe vor ein paar Tagen das erste Jahr ohne Kontakt zu meiner Mutter vollgemacht (mein Stiefvater ließ es sich aber nicht nehmen mich noch vor ein paar Monaten per Post zu belästigen)
  • im Februar einfach wochenlang eine der schlimmsten Erkältungen überhaupt haben (inklusive Husten direkt aus der Hölle)
  • zur gleichen Zeit psychisch einfach komplett zusammenbrechen, Selbstmordgedanken haben und aufgeben wollen
  • endlich einsehen, dass ich eine Essstörung habe
  • im Mai Erfolg bei der Therapieplatzsuche haben und für Juli einen ersten Termin bekommen
  • alle negativen Gefühle weiterhin mit Essen ersticken, zunehmen, sich deswegen schuldig und schlecht fühlen und in einen Teufelskreis rutschen (aus dem ich momentan nicht raus komme)
  • auf der Arbeit ein weiteres Jahr im Projekt vollmachen (ich lerne weiterhin, was ich wirklich kann und was für ein Jammerlappen der Kollege ist)
  • auf diesem Blog viel zu still sein (Gedanken bleiben lieber in meinem Kopf, weil sie oft zu negativ sind)
  • Krebs ist weiterhin ein bestimmendes Thema, im Januar steht für meine Schwester eine weitere OP an
  • während der Pandemie plötzlich die Liebe zu Joy Division und The Smiths entdecken (ich wehrte beide Bands immer damit ab, dass mir Joy Division zu depressiv klingen und ich bei The Smiths den Gesang von Morrissey nicht ertragen kann. Oh the times have changed, schaffen es beide Bands nämlich aktuell meine Gefühlswelt gut abzubilden)
  • den Luxus der Heimarbeit zu haben
  • nie an der Liebe des Mannes zweifeln (aber denken, dass er was besseres verdient hätte, als mich)
  • das Remaster von Prince 'Sign o' the times' in den Händen halten (die Deluxe Editon hat mir Weihnachten im September beschert)
  • endlich Dune lesen (es stand ewige Jahre in einem alten Bücherregal) und den ersten Trailer sehen ('Ich höre endlich das Buch' sagte der Mann. Wir lieben Denis Villeneuve und können es kaum abwarten)
  • endlich die 'Ocean Rain' von Echo & The Bunnymen besitzen und alte New Order Alben kaufen
  • am Ende des Jahres feststellen, dass es kein gutes war. Es hat mir jegliche Kraft geraubt und viel zu oft dachte ich, dass ich mein Leben auch einfach beenden könnte (weil ich so ein unglaubliches Wrack mit etlichen Issues bin)

In Lyrics:
In my life, why do I smile at people who I'd much rather kick in the eye?
(The Smiths - Heaven knows I'm miserable now)

Everybody knows what's going wrong with the world
but I don't even know what's going on in myself
(The The - Slow Emotion Replay)


Für 2021:
  • körperlich gesund bleiben und seelisch gesund werden (hallo Essstörung)
  • weiterhin Qualitätszeit mit dem Mann verbringen
  • Cafés, Kneipen, Kinos besuchen können (hallo Impfung)
  • endlich wieder Krafttraining machen können
  • Paul Weller live sehen (war für Mai 2020 geplant)
  • mehr bloggen (wenn es die Kraft zulässt)
  • weniger im Internet, sondern mehr im echten Leben sein (ist wichtig für die psychische Gesundheit, die Menschheit ist für mich eh verloren)
  • die Lesebegeisterung aus den letzten Tagen von 2020 mitnehmen ins neue Jahr

04.12.2020

I can't get my shit together

Ich frage mich mit inzwischen 43 Jahren, wann der Punkt kommt, an dem ich es nicht mehr ertragen kann. Oder ob der Punkt schon längst erreicht ist?! Bin ich vielleicht schon Jahrzehnte drüber? Ich sitze seit Monaten in einem dunklen Loch. Wie jeder gerade ein Stück weit (bedingt durch die Pandemie). Aber es ist nicht nur das neue normal (wie es gerne genannt wird). Es ist etwas anderes. Eine bleiernde Erschöpfung, Traurigkeit, das wiederkehrende Gefühl nichts mehr sehen und hören zu wollen, sich an Scheiße aufzureiben und eigentlich auch gar nicht mehr darüber reden zu wollen, wie man sich fühlt. Menschliche Kontakte minimieren, weil alles anstrengend ist. Die Krebserkrankung der Schwester schreitet weiter voran. Und mir fehlt die Kraft einfach mal laut zu schreien. Dass diese verfickt beschissene Welt ungerecht ist und ich keinen Nerv mehr darauf habe. Aber wissen wir das nicht irgendwie alle? 
Ich werde um Beratung gebeten und ständig gefragt, wie meine Therapie läuft? Soll ich sagen gut, obwohl ich mindestens ein Mal die Woche denke, dass ich mich besser mit 15 umgebracht hätte und ich immer noch Essen in mich reinstopfe, weil ich all das negative verdrängen will. Sind Menschen wirklich bereit das zu ertragen? Ich fühle mich schlecht, weil meine Schwester wahrscheinlich irgendwann an Krebs stirbt und ich häufiger denke, dass ich nicht an meinem Leben hänge. Ich sitze bei meiner Therapeutin und sage mir danach, dass ich ein beschissener Jammerlappen bin, der seinen Scheiß einfach nicht geregelt kriegt. Und nix kann außer jammern. Anstatt mal den Arsch hochzukriegen, nicht mehr dysfunktional zu sein, sich endlich mal zu lieben und ein gutes Kind zu sein (und eine gute Lebensgefährtin). Dabei bekomme ich vom Mann absolut nichts negatives zu hören. Er ist derjenige, der einfach da ist. Zuhört, unterstützt, liebt. Nicht be- oder verurteilt. Keine Kommentare über meinen Körper ablässt. Unsere Beziehung ist die einzige Stelle in meinem Leben, die gerade kein Trümmerfeld ist. 
Ich habe das Gefühl, ich ertrinke in einem See. Sehe mir vom Ufer aus selber dabei zu. Und kann nichts tun, um mich zu retten. 

11.10.2020

I'm trying to not give a damn

Letzte Woche Donnerstag öffnete ich meinen Briefkasten und fand dort ein Einschreiben vor. Von meinem Stiefvater. Eine Notiz, dass er die Schränke aufgeräumt und einen Brief gefunden hätte, der wohl mir gehöre. Den besagten Brief hatte ich meiner Mutter mal vor etlichen Jahren zum Muttertag geschenkt. Ich habe mir gar nicht mehr die Mühe gemacht und geguckt, was ich damals geschrieben habe. Weil es für mich heute einfach nicht mehr stimmt. Es sind Dinge, die ich nicht mehr so sehe oder sagen würde.
Ich ahne, was die Motivation hinter diesem Brief ist. Aber er wird diese Wirkung nicht haben. Ich werde nicht plötzlich reumütig ankommen und wieder Kontakt wollen. Ich werde auf diesen Brief gar nicht reagieren. Denn er soll eine Reaktion provozieren.
Ich hatte ein paar Tage später einen Essanfall, den ich für meine Therapeutin dokumentiert habe. Den Brief habe ich dazu gelegt. 
Ich muß mich um mich kümmern. Gesund werden. Lernen, mich zu akzeptieren und zu lieben. 


18.09.2020

Mama, I can't love you no more

 Seit Tagen quälen mich wieder binge eating Anfälle und plötzlich kommen auch Alpträume dazu. Nachts im Schlaf greifen Dinge nach mir und versuchen mich in die Tiefe zu ziehen. Ich werde morgens wach, fühle mich erst okay. Bis dann die Erinnerung einsetzt und mich der Mist aus dem Schlaf noch den ganzen Tag verfolgt. Gestern geht dann gar nix mehr. PMS, Überforderung auf der Arbeit und der bevorstehende Geburtstag meiner Mutter bringen mich fast an den Rand eines Zusammenbruchs. Ich frage mich, wann ich mich endlich mal wieder normal fühlen kann?! Wann ich nicht das Gefühl habe, immer wieder in Löcher zu fallen oder emotional zu ertrinken?!

Meine Mutter hat heute Geburtstag. Und es sind fast 9 Monate vergangen seit unserem letzten Kontakt. Fühle ich mich damit einigermaßen gut? Ja, ich will nicht zurück. Gleichzeitig nagt das aber dieses Schuldgefühl in mir. Dass ich ein schlechtes Kind bin, weil ich mich nicht melde. Ein böses Kind. Undankbar und egoistisch. Und dass es da sowieso immer andere Kinder gibt, die besser sind als ich. In mir sind die Gedanken und Gefühle so tief verwurzelt und ich schaffe es aktuell nicht, sie einfach rauszureißen. Sie graben sich tiefer in mein Herz und meinen Verstand und ich erwische mich immer wieder dabei, mich ständig zu verurteilen. Du musst ein gutes Kind sein und deine Mutter anrufen.

Dabei gilt tatsächlich folgendes: Ich muss gar nichts, da es mein Leben ist. Ich darf entscheiden, wenn ich rein lasse und wer draußen bleibt. Und ich brauche nicht mehr den Menschen, der mich immer abgelehnt hat und für den ich nie genug war. Und der es mir gerne auch immer wieder mitgeteilt. ich möchte nur endlich den Weg finden, dem inneren Kind endlich mal aus diesem Loch zu helfen. Es gibt Menschen, die mich lieben. Und die auch mit den schwierigen Dingen umgehen können. Oft sogar viel besser, als ich es kann. Ich kann es gerade absolut nicht. Ich werde von einer Mischung aus Scham, Wut, Schuldgefühlen und Schmerz in die Mangel genommen und ersticke mit dem Essen jedes weitere negative Gefühl. Weil ich es mir selbst nicht erlaube, die ganze verdammte Scheiße einfach mal rauszulassen. Ich vertraue meinen eigenen Emotionen nicht und denke mir oft, dass es andere viel schlimmer haben. Ich schaffe es nie, mich von der Negativität anderer abzuschotten. Weil ich nie gelernt habe, mich zu distanzieren. War bei meiner absolut übergriffigen Mutter nicht möglich. Momentan kommt der Körperhass noch dazu. Ich wiege noch mehr, als vor meiner Abnehmphase und fühle mich da auch wie eine absolute Versagerin.

Fühle ich mich eigentlich irgendwann mal nicht als Versagerin in meinem Leben? Im Moment sehe ich kaum das Licht am Ende des Tunnels. Da ist so viel Tunnel und ich habe gefühlt gerade weder die Kraft, noch die Geduld durchzuhalten. Ich spüre gerade nicht mehr die Energie in mir, um Dinge zu ändern. Ich hoffe, dass sich das in absehbarer Zeit wieder ändern wird.

Meine Mutter aber kann und werde ich nicht mehr kontaktieren. Es gibt nichts mehr zu klären, da sie eh unfehlbar ist und keine Fehler macht. Und anstelle mal auf meine Aussagen zu reagieren, würde sie wieder alles so drehen, dass sie am Ende das Opfer ist. 

31.08.2020

31082020

Zur Bewerbung folgendes Update: Eine Kollegin aus der Abteilung hat sich auch beworben. Die wurde genommen. Ich hätte aber nix besser machen können.
Ansonsten ist es in meinem Leben gerade ein munteres auf und ab. Aktuell gerade ein bisschen mehr auf, weil ich eine unglaublich intensive Arbeitswoche bravourös gemeistert habe. Und ich mal wirklich stolz auf mich bin. Ich kann strukturieren, koordinieren und manchmal auch drei Sachen gleichzeitig machen.
Gesundheitlich geht es immer wieder bergab. Mal sind es Kopfschmerzen, Verspannungen oder Probleme im unteren Rücken. Ich hoffe einfach mal, dass das mit sinkendem Gewicht wieder besser wird. 
Aktuell seit einer Woche keinen Essanfall. Meine Therapie hat begonnen und ich weiß noch nicht, wo der Weg mich hinführen wird. Ganz oft rutsche ich dahin ab, mich selber erstmal schlecht zu machen. Oder mir einzureden, dass das alles gar nicht so schlimm war. Beides ist einfach nicht richtig. Und beides treibt mich nur wieder dem binge eating in die Arme. 
Der Mann unterstützt mich. Wir entwickeln uns zwar langsam zu absoluten Einsiedlern und halten so viel wie möglich Distanz zu allem. Aber das ist gerade einfach das Allerbeste. Gerade für mich. Ich bin immer noch froh darüber, dass ich Zuhause arbeiten kann, weil ich hier einfach meine Ruhe habe. Keine Störung von Kollegen, die irgendwas wollen oder nerven. Ich konnte wahrscheinlich für den Rest meines Lebens Heimarbeit machen. 
Vor ungefähr zwei Wochen ist außerdem etwas kurioses passiert. Ich hatte hier mal geschrieben, dass es vor Jahren jemanden gab den ich mal sehr attraktiv fand. Und der dann einfach verschwunden war. Der Mann und ich waren vor zwei Wochen etwas zu essen holen. Wir stehen draußen vor dem Laden und plötzlich läuft genau dieser Typ daher. Und meine Güte, habe ich mich erschrocken. Da sah aber jemand unglaublich verlebt und auch ein bisschen ungepflegt aus. Manchmal ist sowas der heilsame Schock, wenn man sich fragt was hätte sein können. Besonders wenn direkt daneben der Mann steht, den man liebt und der einfach so unglaublich attraktiv ist. Ich mag es daran erinnert zu werden, dass man das schätzen sollte was man hat. Und nicht der Vergangenheit hinterher trauern sollte.

Als letztes:
Was mir momentan noch häufig fehlt, ist das Vertrauen darauf, dass alles wieder gut wird. Dass ich irgendwann wieder all die schönen Sachen anziehen werde, die in meinem Schrank hänge. Dass ich mich nicht ständig scheiße finde oder mir einrede ein niemand zu sein. Und dass ich irgendwann nicht mehr denke, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nie auf die Welt gekommen wäre. Ich arbeite dran. 

24.06.2020

Less bitter

Der vergangene Freitag war mein heftigster Tiefpunkt seit langem. PMS und ein ätzender Typ im Fitnessstudio, dem ich am liebsten die Hantel ins Gesicht geworfen hätte. Aber Freitag war auch ein Tag, an dem eine Stelle ausgeschrieben wurde, die mich interessiert. Ich habe in einer Spontanaktion am Wochenende eine Bewerbung zusammen geklöppelt. Auf die ich ein bißchen stolz bin, weil ich finde dass sie gut geworden ist. Sehr gut sogar. Ich kann mich inzwischen besser einschätzen und ich konnte endlich mal mit dem glänzen, was ich in meiner Freizeit mache. Montag habe ich dad Gespräch. Ich rechne mir wenige Chancen aus, aber ich falle erstmal nicht tief. Mein Vertrag im Projekt wurde nämlich gerade auch nochmal für weitere 3 Monate verlängert. Es geht in kleinen Schritten aufwärts. Bald ist der Termin bei meiner Therapeutin. Und ich hoffe, dass auch hier die Dinge einen positiven Lauf nehmen. Ich lese zur Zeit das Buch einer Frau, die auch an Esstörungen litt. Es enthält viele kleine Hinweise und Tipps, die die aktuelle Situation schon ein bißchen besser machen. 
Ich bin nicht bereit aufzugeben und meine Dämonen gewinnen zu lassen. Ich bin bereit dazu, endlich einen vernünftigen Umgang mit meinen Emotionen zu kriegen und nichts mehr mit Essen ersticken zu müssen. 

20.06.2020

Who am I?

Alles ist gerade anstrengend. Oder einfach nur schwer erträglich. Mein Gewicht ist wieder auf Höchststand. Wofür ich mich bei jedem Blick in den Spiegel verurteile und hasse. Warum konntest du diesen dünneren Körper nicht behalten? Die Frage stelle ich mir immer wieder. Bitter ist die Antwort: Ich dachte, ich wäre dünner glücklicher. Aber die Wahrheit ist, dass die selben alten Dämonen in mir wohnen. Die gleichen Stimmen mir sagen, dass ich eine Versagerin bin, wertlos, nichts aus meinem Leben gemacht habe. Meine Mutter hat mich abgelehnt und nie habe ich das Gefühl gehabt, dass ich so richtig bin, wie ich bin. 
Irgendwas hat die Dämonen zurückgebracht. Gefühlt schlimmer als ich sie in Erinnerung hatte. Ich kann
aktuell keine Menschen in meiner Nähe ertragen. Ich denke ständig, dass ich eine Belastung für den Mann bin. Dann fresse ich. Bis ich all die Emotionen ersticke, die da dringend raus wollen. Ich fresse um zu verdrängen, dass es Tage gibt an denen ich mir wünsche, nie geboren worden zu sein. Ich fresse, um nicht all die Wut und all den Hass auf all die Arschlöcher, die ich in der Vergangenheit kannte, rauszulassen. Wenn ich dann fast bis zum Kotzen gefressen habe, ist es aber auch nicht besser. Dann beginnen wieder die Selbstvorwürfe, warum ich Stück Scheiße nicht einfach aufhören kann mich ständig zu überessen. Ich hatte doch fast 50 Kilo abgenommen. Wovon fast 40 wieder drauf sind.
Warum Kat, hast du keine Kontrolle? Warum kannst du nicht normal essen? Warum bist du nicht ein Junge geworden? Warum bist du so anstrengend und kannst nicht aufhören zu reden? Warum kannst du dich nicht von Energievampiren distanzieren? Warum hast du jobmäßig nichts besseres auf die Reihe gekriegt? Warum bist du keine erfolgreiche Geschäftsfrau geworden und hast mehr aus deinen Talenten gemacht? Warum hast du, wie es deine Mutter so schön gesagt hast 'dein Leben verpfuscht'? Warum bist du mehr wie dein verstorbener Vater, der Alkoholiker und psychisch krank war? Und nicht wie deine Mutter? Die dir immer gerne als das tolle Vorbild von anderen vorgehalten wurde. Warum bist du nicht das Kind, das deine Mutter sich gewünscht hat? Auf das sie stolz sein kann? Warum musste ihr wertvollstes Kind krank werden? Warum kannst du nutzloses Stück Scheiße nicht krank geworden sein? Du hast ja eh nix erreicht in deinem Leben. Du warst die, die in der Schule als Streberin abgestempelt wurde. Von der keiner wusste, dass sie ab dem Alter von 15 jeden Tag an den Tod gedacht hat. Sterben wollte, weil sie sich eh völlig fehl am Platz gefühlt hat. Die ihr Abi nicht als Beste der Schule gemacht hat, weil sie an überhaupt nichts mehr Freude hatte. Warum hast du aus deinem Studium nicht mehr rausgeholt? Was hast du eigentlich überhaupt richtig gemacht? Du konntest Typen nicht halten und hattest bis in den 30ern keine Beziehung. Du hast Dinge getan, auf die du absolut nicht stolz bist. Hast Männern beim Betrug ihrer Partnerinnen unterstützt. Hast dich wie eine Furie aufgeführt und Menschen vor den Kopf gestoßen. Hast die Moral zu deinen Gunsten gebogen, obwohl du selber so hohe Moralvorstellungen hast. Du hasst dein Aussehen, deine Kurzsichtigkeit, deine Hängebrüste, deinen Bauch, der aussieht als hätte er zig Schwangerschaften hinter sich. Du hasst deinen Körper, weil er dich trotzdem nicht vor Übergriffen schützen konnte. Du frisst, weil du nie das Gefühl hattest, dass deine Mutter dich so geliebt hat, wie du bist. Du frisst, weil du nie verstanden hast, was so schlimm ist wie dein Vater auszusehen. Du frisst, weil du nie vergessen hast, dass dich Leute irgendwie immer komisch fanden. Weil du immer nur die dicke Streberin warst, die unfickbar war. Die mit 15 noch keine Titten hatte und dann auf einmal richtig viel. Was für deine Mutter ein absolutes Problem wurde. Am allermeisten frisst du aber, weil du nie gut genug bist. Du bist für dich selbst nicht genug. Du liebst dich nicht, weil du denkst dass du es nicht verdienst. Weil einfach alles an dir falsch ist. Weil es das ist, was du von Kind an gelernt hast. Weil du überhaupt nicht mehr weißt, wer du eigentlich wirklich bist. Weil du irgendwann entschieden hast, nicht mehr du selbst zu sein. 

03.04.2020

Ein Lebenszeichen

Ich bin immer noch nicht in Therapie. Aber ich komme so langsam aber sicher wieder aus dem emotionalen Loch gekrochen. Mein inneres Kampfschwein berappelt sich. Langsam aber stetig. Ich habe seit über 3 Monaten nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen. Und ich plane auch nicht irgendetwas daran zu ändern. Sie wird sich nicht mehr ändern und sie wird auch nicht mehr reflektieren. Ich habe aber (hoffentlich) noch viele Lebensjahre vor mir. Diese würde ich gerne glücklich verbringen. Entspannt damit, wer ich bin. Wie ich bin. Mit den Fehlern und Schwächen. Aber auch mit den Stärken und guten Eigenschaften.
Ich möchte nicht mehr denken, dass ich wertlos bin. Nicht gut genug. Ich möchte nicht mehr essen, um negative Gefühle wegzudrücken.
Ich muss meine Mutter nicht lieben. Ich muss nicht mehr darüber schweigen, was sie alles getan hat. Dinge entschuldigen oder klein reden.
Ich habe aktuell fast eine Woche Urlaub hinter mir. Viel Zeit zum nachdenken. Ich möchte definitiv wieder das ganze Gewicht los werden. Meinem Körper geht es gerade nicht gut. Und wenn dieses Gewicht irgendwann wieder runter ist, werde ich trotzdem eine Therapie machen. Das Gewicht ist nur ein Symptom für etwas. Etwas, dass ich tief in mir vergraben habe. Und von dem ich weiß, dass ich es endgültig angehen muss.
Ich bin und bleibe der festen Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat glücklich zu sein. Auch wenn es bedeutet, Menschen aus dem eigenen Leben zu werfen. Auch wenn es die eigene Mutter ist. Irgendwann ist sie eh nicht mehr da und ich muss sowieso mit meiner eigenen Scheiße klar kommen.
Ich muss lernen mich abzugrenzen. Andere nicht mehr so nah an mich ran zu lassen. Nicht mehr für Dinge Verantwortung zu übernehmen, die nicht in meiner Verantwortung liegen.
Meine innere Stimme sagt mir gerade: 'Du wirst das schaffen!'

07.02.2020

Down in a hole

Es ist gleichzeitig schwer und befreiend die folgenden Zeilen zu schreiben. Ich sitze momentan in einem noch tieferen Loch als 2012 (das damalige Loch war für den Start dieses Blogs verantwortlich). Gefangen in einem Kreislauf aus Essen, schlecht fühlen, zunehmen, niedergeschlagen sein und manchmal auch einfach nicht mehr leben wollen. Die Fakten: Ich habe in den letzten 18 Monaten über 30 Kilo zugenommen. Meine Gesundheit leidet. Das linke Knie schmerzt wieder und mein Rücken hasst mich regelrecht. Ich schiebe es seit Monaten vor mir her, wieder etwas gegen das Gewicht zu tun. Immer heißt es: morgen, nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr. 
Nebenbei bange ich um meine Schwester (Krebs) und meine Mutter ist dann vorletzte Woche endlich ins Krankenhaus gekommen. So wie es aussieht Schlaganfall. Ich habe bis jetzt nicht mit ihr gesprochen und ich kann sie auch nicht besuchen. Weil ich weiß, dass es in so einem unfassbaren Ausbruch von Hass endet. Vor dem ich mich schützen muß. Das Tischtuch zwischen meiner Mutter und mir ist nichtmal mehr gespannt, es ist in kleine Fetzen zerrissen. Ich muß nicht mehr dankbar sein, dass sie mich geboren hat. Wenn ich mich gerade angucke, wäre es wahrscheinlich besser sie hätte mich nie geboren. Mir wäre so viel Scheiße erspart geblieben. 
Ich kann nichts dafür, dass ich nicht als Junge geboren wurde. Ihre Ablehnung hat mich jahrzehntelang in absolute Krisen gestürzt. Ich war, bin und werde nie gut genug sein. Nicht für sie, aber ich bin es oft auch für mich selbst nicht. 
Ich fühle mich klein, am Boden zerstört und absolut nicht mehr bereit zu kämpfen. Ich ertrage das Leben gerade oft genug einfach nur noch. 
Letzte Woche hat dann ein Artikel über Essstörungen endgültig die lange ignorierte Wunde komplett aufgerissen. 
Ich habe 2014 in meiner Therapie schonmal mein Essverhalten thematisiert, aber nicht weiter vertieft. Danach ging es mir so gut und der Arschtritt durch 'Fettlogik überwinden' war so groß, dass ich abnahm. 
Aber das Loch in meiner Seele war nur kurzzeitig gestopft. Bei jedem Gespräch mit meiner Mutter ist es wieder aufgerissen. Jedes Mal wieder das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Nicht die Kraft zu haben, endgültig den Kontakt abzubrechen, weil man ja kein schlechtes Kind sein will. 
Gestern dann ein Termin bei meiner Hausärztin. Ich habe mir eine dicke Erkältung eingefangen. Ich muß dazu sagen, dass meine jetzige Hausärztin wirklich ein absolut wunderbarer Mensch ist. Ich habe keine Angst davor, alles offen auf den Tisch zu legen, weil ich weiß, dass sie zuhört und mir hilft. Vor mir liegt eine Überweisung zur Psychotherapie. Ambulant, weil ich zu viel Respekt vor einer stationären Therapie habe. Ich weiß, dass ich Hilfe brauche. Ich weiß, dass es hart wird und mich so vieles erwarten wird, dass ich längst verdrängt habe. Und ich hoffe, dass ich endlich ein normales Essverhalten entwickeln kann. Und negative Gefühle nicht mehr, bis zum fast Erbrechen, mit Essen ersticken will. 

Ich habe jetzt endlich die Kraft folgendes zu sagen:
Ich bin katzeontherun und habe eine binge eating disorder