11.10.2020

I'm trying to not give a damn

Letzte Woche Donnerstag öffnete ich meinen Briefkasten und fand dort ein Einschreiben vor. Von meinem Stiefvater. Eine Notiz, dass er die Schränke aufgeräumt und einen Brief gefunden hätte, der wohl mir gehöre. Den besagten Brief hatte ich meiner Mutter mal vor etlichen Jahren zum Muttertag geschenkt. Ich habe mir gar nicht mehr die Mühe gemacht und geguckt, was ich damals geschrieben habe. Weil es für mich heute einfach nicht mehr stimmt. Es sind Dinge, die ich nicht mehr so sehe oder sagen würde.
Ich ahne, was die Motivation hinter diesem Brief ist. Aber er wird diese Wirkung nicht haben. Ich werde nicht plötzlich reumütig ankommen und wieder Kontakt wollen. Ich werde auf diesen Brief gar nicht reagieren. Denn er soll eine Reaktion provozieren.
Ich hatte ein paar Tage später einen Essanfall, den ich für meine Therapeutin dokumentiert habe. Den Brief habe ich dazu gelegt. 
Ich muß mich um mich kümmern. Gesund werden. Lernen, mich zu akzeptieren und zu lieben. 


18.09.2020

Mama, I can't love you no more

 Seit Tagen quälen mich wieder binge eating Anfälle und plötzlich kommen auch Alpträume dazu. Nachts im Schlaf greifen Dinge nach mir und versuchen mich in die Tiefe zu ziehen. Ich werde morgens wach, fühle mich erst okay. Bis dann die Erinnerung einsetzt und mich der Mist aus dem Schlaf noch den ganzen Tag verfolgt. Gestern geht dann gar nix mehr. PMS, Überforderung auf der Arbeit und der bevorstehende Geburtstag meiner Mutter bringen mich fast an den Rand eines Zusammenbruchs. Ich frage mich, wann ich mich endlich mal wieder normal fühlen kann?! Wann ich nicht das Gefühl habe, immer wieder in Löcher zu fallen oder emotional zu ertrinken?!

Meine Mutter hat heute Geburtstag. Und es sind fast 9 Monate vergangen seit unserem letzten Kontakt. Fühle ich mich damit einigermaßen gut? Ja, ich will nicht zurück. Gleichzeitig nagt das aber dieses Schuldgefühl in mir. Dass ich ein schlechtes Kind bin, weil ich mich nicht melde. Ein böses Kind. Undankbar und egoistisch. Und dass es da sowieso immer andere Kinder gibt, die besser sind als ich. In mir sind die Gedanken und Gefühle so tief verwurzelt und ich schaffe es aktuell nicht, sie einfach rauszureißen. Sie graben sich tiefer in mein Herz und meinen Verstand und ich erwische mich immer wieder dabei, mich ständig zu verurteilen. Du musst ein gutes Kind sein und deine Mutter anrufen.

Dabei gilt tatsächlich folgendes: Ich muss gar nichts, da es mein Leben ist. Ich darf entscheiden, wenn ich rein lasse und wer draußen bleibt. Und ich brauche nicht mehr den Menschen, der mich immer abgelehnt hat und für den ich nie genug war. Und der es mir gerne auch immer wieder mitgeteilt. ich möchte nur endlich den Weg finden, dem inneren Kind endlich mal aus diesem Loch zu helfen. Es gibt Menschen, die mich lieben. Und die auch mit den schwierigen Dingen umgehen können. Oft sogar viel besser, als ich es kann. Ich kann es gerade absolut nicht. Ich werde von einer Mischung aus Scham, Wut, Schuldgefühlen und Schmerz in die Mangel genommen und ersticke mit dem Essen jedes weitere negative Gefühl. Weil ich es mir selbst nicht erlaube, die ganze verdammte Scheiße einfach mal rauszulassen. Ich vertraue meinen eigenen Emotionen nicht und denke mir oft, dass es andere viel schlimmer haben. Ich schaffe es nie, mich von der Negativität anderer abzuschotten. Weil ich nie gelernt habe, mich zu distanzieren. War bei meiner absolut übergriffigen Mutter nicht möglich. Momentan kommt der Körperhass noch dazu. Ich wiege noch mehr, als vor meiner Abnehmphase und fühle mich da auch wie eine absolute Versagerin.

Fühle ich mich eigentlich irgendwann mal nicht als Versagerin in meinem Leben? Im Moment sehe ich kaum das Licht am Ende des Tunnels. Da ist so viel Tunnel und ich habe gefühlt gerade weder die Kraft, noch die Geduld durchzuhalten. Ich spüre gerade nicht mehr die Energie in mir, um Dinge zu ändern. Ich hoffe, dass sich das in absehbarer Zeit wieder ändern wird.

Meine Mutter aber kann und werde ich nicht mehr kontaktieren. Es gibt nichts mehr zu klären, da sie eh unfehlbar ist und keine Fehler macht. Und anstelle mal auf meine Aussagen zu reagieren, würde sie wieder alles so drehen, dass sie am Ende das Opfer ist. 

31.08.2020

31082020

Zur Bewerbung folgendes Update: Eine Kollegin aus der Abteilung hat sich auch beworben. Die wurde genommen. Ich hätte aber nix besser machen können.
Ansonsten ist es in meinem Leben gerade ein munteres auf und ab. Aktuell gerade ein bisschen mehr auf, weil ich eine unglaublich intensive Arbeitswoche bravourös gemeistert habe. Und ich mal wirklich stolz auf mich bin. Ich kann strukturieren, koordinieren und manchmal auch drei Sachen gleichzeitig machen.
Gesundheitlich geht es immer wieder bergab. Mal sind es Kopfschmerzen, Verspannungen oder Probleme im unteren Rücken. Ich hoffe einfach mal, dass das mit sinkendem Gewicht wieder besser wird. 
Aktuell seit einer Woche keinen Essanfall. Meine Therapie hat begonnen und ich weiß noch nicht, wo der Weg mich hinführen wird. Ganz oft rutsche ich dahin ab, mich selber erstmal schlecht zu machen. Oder mir einzureden, dass das alles gar nicht so schlimm war. Beides ist einfach nicht richtig. Und beides treibt mich nur wieder dem binge eating in die Arme. 
Der Mann unterstützt mich. Wir entwickeln uns zwar langsam zu absoluten Einsiedlern und halten so viel wie möglich Distanz zu allem. Aber das ist gerade einfach das Allerbeste. Gerade für mich. Ich bin immer noch froh darüber, dass ich Zuhause arbeiten kann, weil ich hier einfach meine Ruhe habe. Keine Störung von Kollegen, die irgendwas wollen oder nerven. Ich konnte wahrscheinlich für den Rest meines Lebens Heimarbeit machen. 
Vor ungefähr zwei Wochen ist außerdem etwas kurioses passiert. Ich hatte hier mal geschrieben, dass es vor Jahren jemanden gab den ich mal sehr attraktiv fand. Und der dann einfach verschwunden war. Der Mann und ich waren vor zwei Wochen etwas zu essen holen. Wir stehen draußen vor dem Laden und plötzlich läuft genau dieser Typ daher. Und meine Güte, habe ich mich erschrocken. Da sah aber jemand unglaublich verlebt und auch ein bisschen ungepflegt aus. Manchmal ist sowas der heilsame Schock, wenn man sich fragt was hätte sein können. Besonders wenn direkt daneben der Mann steht, den man liebt und der einfach so unglaublich attraktiv ist. Ich mag es daran erinnert zu werden, dass man das schätzen sollte was man hat. Und nicht der Vergangenheit hinterher trauern sollte.

Als letztes:
Was mir momentan noch häufig fehlt, ist das Vertrauen darauf, dass alles wieder gut wird. Dass ich irgendwann wieder all die schönen Sachen anziehen werde, die in meinem Schrank hänge. Dass ich mich nicht ständig scheiße finde oder mir einrede ein niemand zu sein. Und dass ich irgendwann nicht mehr denke, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nie auf die Welt gekommen wäre. Ich arbeite dran. 

24.06.2020

Less bitter

Der vergangene Freitag war mein heftigster Tiefpunkt seit langem. PMS und ein ätzender Typ im Fitnessstudio, dem ich am liebsten die Hantel ins Gesicht geworfen hätte. Aber Freitag war auch ein Tag, an dem eine Stelle ausgeschrieben wurde, die mich interessiert. Ich habe in einer Spontanaktion am Wochenende eine Bewerbung zusammen geklöppelt. Auf die ich ein bißchen stolz bin, weil ich finde dass sie gut geworden ist. Sehr gut sogar. Ich kann mich inzwischen besser einschätzen und ich konnte endlich mal mit dem glänzen, was ich in meiner Freizeit mache. Montag habe ich dad Gespräch. Ich rechne mir wenige Chancen aus, aber ich falle erstmal nicht tief. Mein Vertrag im Projekt wurde nämlich gerade auch nochmal für weitere 3 Monate verlängert. Es geht in kleinen Schritten aufwärts. Bald ist der Termin bei meiner Therapeutin. Und ich hoffe, dass auch hier die Dinge einen positiven Lauf nehmen. Ich lese zur Zeit das Buch einer Frau, die auch an Esstörungen litt. Es enthält viele kleine Hinweise und Tipps, die die aktuelle Situation schon ein bißchen besser machen. 
Ich bin nicht bereit aufzugeben und meine Dämonen gewinnen zu lassen. Ich bin bereit dazu, endlich einen vernünftigen Umgang mit meinen Emotionen zu kriegen und nichts mehr mit Essen ersticken zu müssen. 

20.06.2020

Who am I?

Alles ist gerade anstrengend. Oder einfach nur schwer erträglich. Mein Gewicht ist wieder auf Höchststand. Wofür ich mich bei jedem Blick in den Spiegel verurteile und hasse. Warum konntest du diesen dünneren Körper nicht behalten? Die Frage stelle ich mir immer wieder. Bitter ist die Antwort: Ich dachte, ich wäre dünner glücklicher. Aber die Wahrheit ist, dass die selben alten Dämonen in mir wohnen. Die gleichen Stimmen mir sagen, dass ich eine Versagerin bin, wertlos, nichts aus meinem Leben gemacht habe. Meine Mutter hat mich abgelehnt und nie habe ich das Gefühl gehabt, dass ich so richtig bin, wie ich bin. 
Irgendwas hat die Dämonen zurückgebracht. Gefühlt schlimmer als ich sie in Erinnerung hatte. Ich kann
aktuell keine Menschen in meiner Nähe ertragen. Ich denke ständig, dass ich eine Belastung für den Mann bin. Dann fresse ich. Bis ich all die Emotionen ersticke, die da dringend raus wollen. Ich fresse um zu verdrängen, dass es Tage gibt an denen ich mir wünsche, nie geboren worden zu sein. Ich fresse, um nicht all die Wut und all den Hass auf all die Arschlöcher, die ich in der Vergangenheit kannte, rauszulassen. Wenn ich dann fast bis zum Kotzen gefressen habe, ist es aber auch nicht besser. Dann beginnen wieder die Selbstvorwürfe, warum ich Stück Scheiße nicht einfach aufhören kann mich ständig zu überessen. Ich hatte doch fast 50 Kilo abgenommen. Wovon fast 40 wieder drauf sind.
Warum Kat, hast du keine Kontrolle? Warum kannst du nicht normal essen? Warum bist du nicht ein Junge geworden? Warum bist du so anstrengend und kannst nicht aufhören zu reden? Warum kannst du dich nicht von Energievampiren distanzieren? Warum hast du jobmäßig nichts besseres auf die Reihe gekriegt? Warum bist du keine erfolgreiche Geschäftsfrau geworden und hast mehr aus deinen Talenten gemacht? Warum hast du, wie es deine Mutter so schön gesagt hast 'dein Leben verpfuscht'? Warum bist du mehr wie dein verstorbener Vater, der Alkoholiker und psychisch krank war? Und nicht wie deine Mutter? Die dir immer gerne als das tolle Vorbild von anderen vorgehalten wurde. Warum bist du nicht das Kind, das deine Mutter sich gewünscht hat? Auf das sie stolz sein kann? Warum musste ihr wertvollstes Kind krank werden? Warum kannst du nutzloses Stück Scheiße nicht krank geworden sein? Du hast ja eh nix erreicht in deinem Leben. Du warst die, die in der Schule als Streberin abgestempelt wurde. Von der keiner wusste, dass sie ab dem Alter von 15 jeden Tag an den Tod gedacht hat. Sterben wollte, weil sie sich eh völlig fehl am Platz gefühlt hat. Die ihr Abi nicht als Beste der Schule gemacht hat, weil sie an überhaupt nichts mehr Freude hatte. Warum hast du aus deinem Studium nicht mehr rausgeholt? Was hast du eigentlich überhaupt richtig gemacht? Du konntest Typen nicht halten und hattest bis in den 30ern keine Beziehung. Du hast Dinge getan, auf die du absolut nicht stolz bist. Hast Männern beim Betrug ihrer Partnerinnen unterstützt. Hast dich wie eine Furie aufgeführt und Menschen vor den Kopf gestoßen. Hast die Moral zu deinen Gunsten gebogen, obwohl du selber so hohe Moralvorstellungen hast. Du hasst dein Aussehen, deine Kurzsichtigkeit, deine Hängebrüste, deinen Bauch, der aussieht als hätte er zig Schwangerschaften hinter sich. Du hasst deinen Körper, weil er dich trotzdem nicht vor Übergriffen schützen konnte. Du frisst, weil du nie das Gefühl hattest, dass deine Mutter dich so geliebt hat, wie du bist. Du frisst, weil du nie verstanden hast, was so schlimm ist wie dein Vater auszusehen. Du frisst, weil du nie vergessen hast, dass dich Leute irgendwie immer komisch fanden. Weil du immer nur die dicke Streberin warst, die unfickbar war. Die mit 15 noch keine Titten hatte und dann auf einmal richtig viel. Was für deine Mutter ein absolutes Problem wurde. Am allermeisten frisst du aber, weil du nie gut genug bist. Du bist für dich selbst nicht genug. Du liebst dich nicht, weil du denkst dass du es nicht verdienst. Weil einfach alles an dir falsch ist. Weil es das ist, was du von Kind an gelernt hast. Weil du überhaupt nicht mehr weißt, wer du eigentlich wirklich bist. Weil du irgendwann entschieden hast, nicht mehr du selbst zu sein. 

03.04.2020

Ein Lebenszeichen

Ich bin immer noch nicht in Therapie. Aber ich komme so langsam aber sicher wieder aus dem emotionalen Loch gekrochen. Mein inneres Kampfschwein berappelt sich. Langsam aber stetig. Ich habe seit über 3 Monaten nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen. Und ich plane auch nicht irgendetwas daran zu ändern. Sie wird sich nicht mehr ändern und sie wird auch nicht mehr reflektieren. Ich habe aber (hoffentlich) noch viele Lebensjahre vor mir. Diese würde ich gerne glücklich verbringen. Entspannt damit, wer ich bin. Wie ich bin. Mit den Fehlern und Schwächen. Aber auch mit den Stärken und guten Eigenschaften.
Ich möchte nicht mehr denken, dass ich wertlos bin. Nicht gut genug. Ich möchte nicht mehr essen, um negative Gefühle wegzudrücken.
Ich muss meine Mutter nicht lieben. Ich muss nicht mehr darüber schweigen, was sie alles getan hat. Dinge entschuldigen oder klein reden.
Ich habe aktuell fast eine Woche Urlaub hinter mir. Viel Zeit zum nachdenken. Ich möchte definitiv wieder das ganze Gewicht los werden. Meinem Körper geht es gerade nicht gut. Und wenn dieses Gewicht irgendwann wieder runter ist, werde ich trotzdem eine Therapie machen. Das Gewicht ist nur ein Symptom für etwas. Etwas, dass ich tief in mir vergraben habe. Und von dem ich weiß, dass ich es endgültig angehen muss.
Ich bin und bleibe der festen Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat glücklich zu sein. Auch wenn es bedeutet, Menschen aus dem eigenen Leben zu werfen. Auch wenn es die eigene Mutter ist. Irgendwann ist sie eh nicht mehr da und ich muss sowieso mit meiner eigenen Scheiße klar kommen.
Ich muss lernen mich abzugrenzen. Andere nicht mehr so nah an mich ran zu lassen. Nicht mehr für Dinge Verantwortung zu übernehmen, die nicht in meiner Verantwortung liegen.
Meine innere Stimme sagt mir gerade: 'Du wirst das schaffen!'

07.02.2020

Down in a hole

Es ist gleichzeitig schwer und befreiend die folgenden Zeilen zu schreiben. Ich sitze momentan in einem noch tieferen Loch als 2012 (das damalige Loch war für den Start dieses Blogs verantwortlich). Gefangen in einem Kreislauf aus Essen, schlecht fühlen, zunehmen, niedergeschlagen sein und manchmal auch einfach nicht mehr leben wollen. Die Fakten: Ich habe in den letzten 18 Monaten über 30 Kilo zugenommen. Meine Gesundheit leidet. Das linke Knie schmerzt wieder und mein Rücken hasst mich regelrecht. Ich schiebe es seit Monaten vor mir her, wieder etwas gegen das Gewicht zu tun. Immer heißt es: morgen, nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr. 
Nebenbei bange ich um meine Schwester (Krebs) und meine Mutter ist dann vorletzte Woche endlich ins Krankenhaus gekommen. So wie es aussieht Schlaganfall. Ich habe bis jetzt nicht mit ihr gesprochen und ich kann sie auch nicht besuchen. Weil ich weiß, dass es in so einem unfassbaren Ausbruch von Hass endet. Vor dem ich mich schützen muß. Das Tischtuch zwischen meiner Mutter und mir ist nichtmal mehr gespannt, es ist in kleine Fetzen zerrissen. Ich muß nicht mehr dankbar sein, dass sie mich geboren hat. Wenn ich mich gerade angucke, wäre es wahrscheinlich besser sie hätte mich nie geboren. Mir wäre so viel Scheiße erspart geblieben. 
Ich kann nichts dafür, dass ich nicht als Junge geboren wurde. Ihre Ablehnung hat mich jahrzehntelang in absolute Krisen gestürzt. Ich war, bin und werde nie gut genug sein. Nicht für sie, aber ich bin es oft auch für mich selbst nicht. 
Ich fühle mich klein, am Boden zerstört und absolut nicht mehr bereit zu kämpfen. Ich ertrage das Leben gerade oft genug einfach nur noch. 
Letzte Woche hat dann ein Artikel über Essstörungen endgültig die lange ignorierte Wunde komplett aufgerissen. 
Ich habe 2014 in meiner Therapie schonmal mein Essverhalten thematisiert, aber nicht weiter vertieft. Danach ging es mir so gut und der Arschtritt durch 'Fettlogik überwinden' war so groß, dass ich abnahm. 
Aber das Loch in meiner Seele war nur kurzzeitig gestopft. Bei jedem Gespräch mit meiner Mutter ist es wieder aufgerissen. Jedes Mal wieder das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Nicht die Kraft zu haben, endgültig den Kontakt abzubrechen, weil man ja kein schlechtes Kind sein will. 
Gestern dann ein Termin bei meiner Hausärztin. Ich habe mir eine dicke Erkältung eingefangen. Ich muß dazu sagen, dass meine jetzige Hausärztin wirklich ein absolut wunderbarer Mensch ist. Ich habe keine Angst davor, alles offen auf den Tisch zu legen, weil ich weiß, dass sie zuhört und mir hilft. Vor mir liegt eine Überweisung zur Psychotherapie. Ambulant, weil ich zu viel Respekt vor einer stationären Therapie habe. Ich weiß, dass ich Hilfe brauche. Ich weiß, dass es hart wird und mich so vieles erwarten wird, dass ich längst verdrängt habe. Und ich hoffe, dass ich endlich ein normales Essverhalten entwickeln kann. Und negative Gefühle nicht mehr, bis zum fast Erbrechen, mit Essen ersticken will. 

Ich habe jetzt endlich die Kraft folgendes zu sagen:
Ich bin katzeontherun und habe eine binge eating disorder 

29.12.2019

2019

Ein kleiner Jahresrückblick:

In guten Kinofilmen:
Parasite (definitiv mein Film des Jahres)
The Favourite (Giorgos Lanthimos, I just love you)
Booksmart (der Mann und ich waren alleine im Kino und haben so dermaßen laut und viel gelacht)
Blinded by the Light (britisch-sozialkritisches Kino at its best, und dann noch die Musik vom Boss)
Rocketman (dieser Film ist all das, was Bohemian Rhapsody hätte sein können)
Once Upon a Time in Hollywood (die Szenen in der Villa inklusive der Gesichtskirmes von DiCaprio)
Mid90s (fuckshit, ein sehr schönes Regiedebüt von Jonah Hill)
Joker (schauspielerisch brillant)
Apocalypse Now Final Cut (ein Traum ging in Erfüllung diesen Film mal im Kino zu sehen) 
Destroyer (im Kino verpasst und im Streaming dann von Nicole Kidman umgehauen worden)
Vice (Bale ist brillant wie immer)
The Report (nicht im Kino gesehen)
Fahrenheit 9/11
John Wick 3 (nicht so gut wie der zweite aber Keanu ist immer noch top)
The Dead don't die (Adam Driver im Smart und der Millenium Falcon Schlüsselanhänger)
The Sisters Brothers

In enttäuschenden Kinofilmen:
Star Wars Episode IX - The Rise of Skywalker (ernsthaft JJ?! Dem Regisseur des Vorgängers ständig in die Fresse hauen und dann die ganze Kylo Ren Geschichte)

In älteren Filmen:
Your Name (ich habe Rotz und Wasser geheult)
Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (Roger Deakins hinter der Kamera, das kann nur epische Bilder bedeuten) 

noch geplant:
Marriage Story
The Lighthouse
The Irishman
The Beach Bum
Leid und Herrlichkeit
Van Gogh


In Serien:
Fleabag (das beste, was ich seit Jahren gesehen habe)
Good Omens (jede einzelne Minute geliebt) 
The Boys (herrlich böse, besonders ist die Szene mit dem Delfin hervor zu heben)
Peaky Blinders Staffel 5 (der gesamte Cast dieser Serie ist überdurchschnittlich gut) 
The Witcher (Toss a coin to your witcher, ich liebe es)

In enttäuschenden Serien:
Game of Thrones Staffel 8 (dazu muß man nicht mehr viel sagen, oder?!) 

In Momenten:

  • gesundheitlich auf dem Zahnfleisch: im Februar final mit CMD diagnostiziert werden und dann im Jahresverlauf endlich aufraffen um eine Aufbissschiene zu bekommen, seitdem kaum noch lähmende Kopfschmerzen oder andere Maleste
  • drei Hexenschüsse, ein mehrfach blockiertes Illiosakralgelenk
  • auf der Arbeit ein weiteres Jahr im Projekt vollmachen, die Nervkollegin hat zum Glück die Abteilung gewechselt
  • auf diesem Blog viel zu still sein, weil ich alles lieber mit dem Mann bespreche oder nach innen kehre (was sich in binge eating niederschlägt)
  • Gewichtsmäßig einfach nur zulegen und jede negative Emotion ersticken
  • miterleben, wie der Krebs weiterhin im Körper meiner Schwester tobt, inklusive OP mit dem Ergebnis künstlicher Darmausgang - da werden eigene Probleme oft verschwindend klein
  • weiterhin 3 Mal die Woche im Fitnessstudio sein. Und sehen, wie unter dem Körperfett Muskeln wachsen
  • viele schöne Momente mit dem Mann inklusive dem ersten gemeinsamen Urlaub in Dublin - u.a. Besuche am Meer (Satz des Urlaubs: 'Me ear's fucked')
  • nie an der Liebe des Mannes zweifeln
  • Birkenstocks wieder für mich entdecken
  • Nachmittage im Lieblingscafe
  • neue Brillen
  • neues, politisch hoch aktuelles, Album der Specials 
  • The Specials und Saffiyah Khan live sehen
  • das Remaster von Prince '1999' in den Händen halten
  • endgültig zu realisieren, dass ich meiner Mutter einfach total egal bin



Für 2020:

  • viele Kinofilme (Knives out, Weathering with you, Little Women, Queen & Slim, 1917 im Januar), Dune (worauf ich mich besonders freue)
  • Paul Weller wieder live sehen
  • das Software Tester Zertifikat endlich in Angriff nehmen
  • mehr lesen (hier liegt ein Stapel) 
  • mehr bloggen
  • weniger im Internet, sondern mehr im echten Leben sein
  • Zielgewicht erreichen
  • Yoga und Pilates wieder in den Alltag einbauen
  • mehr Kontakt zu Freunden
  • less bitter more glitter
  • eventuell mit dem Mann ein Blogprojekt starten


11.11.2019

Wenn die Maske fällt

Vor 8 Tagen bekam ich einen Anruf von meinem Bruder, der mit mitteilte dass er bei unserer Mutter war und es ihr nicht gut ginge. Sie liegt und kann sich nicht bewegen, weil sie starke Rückenprobleme hat. Donnerstag telefonierte ich dann mit ihr. Es gab keine guten Nachrichten bezüglich meiner Schwester und ich wollte mal hören, wie es ihr geht. Ich entschied mich spät abends nach dem Gespräch, am Freitag nach der Arbeit hinzufahren. 
Was mich dort Freitag erwartete, erschlug mich. In der ganzen Wohnung roch es stechend nach Urin und meine Mutter sah aus, als würde sie bereits mit allem abgeschlossen haben. Sie hat sich wund gelegen, am Rücken waren schon offene Stellen vom Urin. Und wenn man sie fragt, warum sie nicht zum Arzt geht wird man ignoriert. Aussage ihrerseits über ihren Zustand: Lebensmut verloren. Sie will sterben. 

Wenn ich überlege, was sich meine Mutter alles geleistet hat, hätte ich gehen können und das wäre es gewesen. Stattdessen eskalierte es so, dass ich meine Mutter gefühlt anschrie und in die Mangel nahm. Mein Bruder kam später dazu und wir trafen, zusammen mit meinem Stiefvater, die Entscheidung einen Arzt zu rufen. Ich machte sowohl den Bereitschaftsdienst, als auch den Notarzt besonders auf die psychische Situation (vermutlich schwere Depression) aufmerksam. Körperlich untersuchen lassen wollte sie sich nicht. Aber kaum war der Arzt da, ging die Show meiner Mutter los. Der Arzt hat ihr übergangsweise Antidepressiva verschrieben und sie wollte nach dem Wochenende zum Hausarzt um dann wegen einer Einweisung wegen des Rückens zu schauen. Erstmal abklären, was körperlich vorliegt. Ob meine Mutter es zulassen wird, dass man nach ihrer Seele schaut. Keine Ahnung. Diese Frau lebt in ihrer eigenen Welt, die sich so gemacht hat wie sie ihr passt. Sie lügt und sie manipuliert. 

Und sie hat mir Freitag ihr wahres Gesicht gezeigt. Ich wusste schon seit vielen Jahren, dass es die größte Enttäuschung ihres Lebens war dass ich kein Junge geworden bin. Spätestens ab der Pubertät wurde mein zunehmend weiblicher Körper negativ kommentiert und bewertet. Und bereits bei der ersten Krebserkrankung meiner Schwester wurde darüber gesprochen, wie schrecklich es ist dass ihre Wertvollste das nun hat. Freitag hat sie auch gesagt, ihr Herz sei gebrochen und es gibt keinen Grund weiter zu leben. Während ihr Mann und ich im selben Raum war. Ich habe dann nur zu meinem Stiefvater gesagt, dass es wirklich schön ist, so was vor den Latz geknallt zu kriegen. 

Als ich Freitag ihre Wohnung verließ, ging ich als andere Person. Ich weiß jetzt endgültig, dass ich meiner Mutter egal bin. Dass ich es immer war. Und ich habe es akzeptiert. 


19.06.2019

Krebsistimmernocheinarschloch

Ich will den Kopf in den Sand stecken. Alle Gefühle abstellen. Nichts mehr fühlen. Weglaufen. Rennen und nicht mehr aufhören. Meine Schwester, bei der letztes Jahr ein Tumor diagnostiziert wurde, hat zwei weitere Tumore. Eine weitere, große OP steht bevor. Ich weiß nicht mehr, was ich denken und fühlen soll. Ich fühle mich wie betäubt. Ersticke jedes Gefühl mit Essen und kann gerade damit nicht aufhören. Nächste Woche geht es in den Urlaub. Zu ihr. Und vielleicht muß sie dann schon ins Krankenhaus. Wie immer gibt keiner die Hoffnung auf. Aber im Hinterkopf sitzen natürlich all die negativen Gedanken. Die schlimmen. Die, die sich nicht abstellen lassen.