20.06.2020

Who am I?

Alles ist gerade anstrengend. Oder einfach nur schwer erträglich. Mein Gewicht ist wieder auf Höchststand. Wofür ich mich bei jedem Blick in den Spiegel verurteile und hasse. Warum konntest du diesen dünneren Körper nicht behalten? Die Frage stelle ich mir immer wieder. Bitter ist die Antwort: Ich dachte, ich wäre dünner glücklicher. Aber die Wahrheit ist, dass die selben alten Dämonen in mir wohnen. Die gleichen Stimmen mir sagen, dass ich eine Versagerin bin, wertlos, nichts aus meinem Leben gemacht habe. Meine Mutter hat mich abgelehnt und nie habe ich das Gefühl gehabt, dass ich so richtig bin, wie ich bin. 
Irgendwas hat die Dämonen zurückgebracht. Gefühlt schlimmer als ich sie in Erinnerung hatte. Ich kann
aktuell keine Menschen in meiner Nähe ertragen. Ich denke ständig, dass ich eine Belastung für den Mann bin. Dann fresse ich. Bis ich all die Emotionen ersticke, die da dringend raus wollen. Ich fresse um zu verdrängen, dass es Tage gibt an denen ich mir wünsche, nie geboren worden zu sein. Ich fresse, um nicht all die Wut und all den Hass auf all die Arschlöcher, die ich in der Vergangenheit kannte, rauszulassen. Wenn ich dann fast bis zum Kotzen gefressen habe, ist es aber auch nicht besser. Dann beginnen wieder die Selbstvorwürfe, warum ich Stück Scheiße nicht einfach aufhören kann mich ständig zu überessen. Ich hatte doch fast 50 Kilo abgenommen. Wovon fast 40 wieder drauf sind.
Warum Kat, hast du keine Kontrolle? Warum kannst du nicht normal essen? Warum bist du nicht ein Junge geworden? Warum bist du so anstrengend und kannst nicht aufhören zu reden? Warum kannst du dich nicht von Energievampiren distanzieren? Warum hast du jobmäßig nichts besseres auf die Reihe gekriegt? Warum bist du keine erfolgreiche Geschäftsfrau geworden und hast mehr aus deinen Talenten gemacht? Warum hast du, wie es deine Mutter so schön gesagt hast 'dein Leben verpfuscht'? Warum bist du mehr wie dein verstorbener Vater, der Alkoholiker und psychisch krank war? Und nicht wie deine Mutter? Die dir immer gerne als das tolle Vorbild von anderen vorgehalten wurde. Warum bist du nicht das Kind, das deine Mutter sich gewünscht hat? Auf das sie stolz sein kann? Warum musste ihr wertvollstes Kind krank werden? Warum kannst du nutzloses Stück Scheiße nicht krank geworden sein? Du hast ja eh nix erreicht in deinem Leben. Du warst die, die in der Schule als Streberin abgestempelt wurde. Von der keiner wusste, dass sie ab dem Alter von 15 jeden Tag an den Tod gedacht hat. Sterben wollte, weil sie sich eh völlig fehl am Platz gefühlt hat. Die ihr Abi nicht als Beste der Schule gemacht hat, weil sie an überhaupt nichts mehr Freude hatte. Warum hast du aus deinem Studium nicht mehr rausgeholt? Was hast du eigentlich überhaupt richtig gemacht? Du konntest Typen nicht halten und hattest bis in den 30ern keine Beziehung. Du hast Dinge getan, auf die du absolut nicht stolz bist. Hast Männern beim Betrug ihrer Partnerinnen unterstützt. Hast dich wie eine Furie aufgeführt und Menschen vor den Kopf gestoßen. Hast die Moral zu deinen Gunsten gebogen, obwohl du selber so hohe Moralvorstellungen hast. Du hasst dein Aussehen, deine Kurzsichtigkeit, deine Hängebrüste, deinen Bauch, der aussieht als hätte er zig Schwangerschaften hinter sich. Du hasst deinen Körper, weil er dich trotzdem nicht vor Übergriffen schützen konnte. Du frisst, weil du nie das Gefühl hattest, dass deine Mutter dich so geliebt hat, wie du bist. Du frisst, weil du nie verstanden hast, was so schlimm ist wie dein Vater auszusehen. Du frisst, weil du nie vergessen hast, dass dich Leute irgendwie immer komisch fanden. Weil du immer nur die dicke Streberin warst, die unfickbar war. Die mit 15 noch keine Titten hatte und dann auf einmal richtig viel. Was für deine Mutter ein absolutes Problem wurde. Am allermeisten frisst du aber, weil du nie gut genug bist. Du bist für dich selbst nicht genug. Du liebst dich nicht, weil du denkst dass du es nicht verdienst. Weil einfach alles an dir falsch ist. Weil es das ist, was du von Kind an gelernt hast. Weil du überhaupt nicht mehr weißt, wer du eigentlich wirklich bist. Weil du irgendwann entschieden hast, nicht mehr du selbst zu sein. 

03.04.2020

Ein Lebenszeichen

Ich bin immer noch nicht in Therapie. Aber ich komme so langsam aber sicher wieder aus dem emotionalen Loch gekrochen. Mein inneres Kampfschwein berappelt sich. Langsam aber stetig. Ich habe seit über 3 Monaten nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen. Und ich plane auch nicht irgendetwas daran zu ändern. Sie wird sich nicht mehr ändern und sie wird auch nicht mehr reflektieren. Ich habe aber (hoffentlich) noch viele Lebensjahre vor mir. Diese würde ich gerne glücklich verbringen. Entspannt damit, wer ich bin. Wie ich bin. Mit den Fehlern und Schwächen. Aber auch mit den Stärken und guten Eigenschaften.
Ich möchte nicht mehr denken, dass ich wertlos bin. Nicht gut genug. Ich möchte nicht mehr essen, um negative Gefühle wegzudrücken.
Ich muss meine Mutter nicht lieben. Ich muss nicht mehr darüber schweigen, was sie alles getan hat. Dinge entschuldigen oder klein reden.
Ich habe aktuell fast eine Woche Urlaub hinter mir. Viel Zeit zum nachdenken. Ich möchte definitiv wieder das ganze Gewicht los werden. Meinem Körper geht es gerade nicht gut. Und wenn dieses Gewicht irgendwann wieder runter ist, werde ich trotzdem eine Therapie machen. Das Gewicht ist nur ein Symptom für etwas. Etwas, dass ich tief in mir vergraben habe. Und von dem ich weiß, dass ich es endgültig angehen muss.
Ich bin und bleibe der festen Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat glücklich zu sein. Auch wenn es bedeutet, Menschen aus dem eigenen Leben zu werfen. Auch wenn es die eigene Mutter ist. Irgendwann ist sie eh nicht mehr da und ich muss sowieso mit meiner eigenen Scheiße klar kommen.
Ich muss lernen mich abzugrenzen. Andere nicht mehr so nah an mich ran zu lassen. Nicht mehr für Dinge Verantwortung zu übernehmen, die nicht in meiner Verantwortung liegen.
Meine innere Stimme sagt mir gerade: 'Du wirst das schaffen!'

07.02.2020

Down in a hole

Es ist gleichzeitig schwer und befreiend die folgenden Zeilen zu schreiben. Ich sitze momentan in einem noch tieferen Loch als 2012 (das damalige Loch war für den Start dieses Blogs verantwortlich). Gefangen in einem Kreislauf aus Essen, schlecht fühlen, zunehmen, niedergeschlagen sein und manchmal auch einfach nicht mehr leben wollen. Die Fakten: Ich habe in den letzten 18 Monaten über 30 Kilo zugenommen. Meine Gesundheit leidet. Das linke Knie schmerzt wieder und mein Rücken hasst mich regelrecht. Ich schiebe es seit Monaten vor mir her, wieder etwas gegen das Gewicht zu tun. Immer heißt es: morgen, nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr. 
Nebenbei bange ich um meine Schwester (Krebs) und meine Mutter ist dann vorletzte Woche endlich ins Krankenhaus gekommen. So wie es aussieht Schlaganfall. Ich habe bis jetzt nicht mit ihr gesprochen und ich kann sie auch nicht besuchen. Weil ich weiß, dass es in so einem unfassbaren Ausbruch von Hass endet. Vor dem ich mich schützen muß. Das Tischtuch zwischen meiner Mutter und mir ist nichtmal mehr gespannt, es ist in kleine Fetzen zerrissen. Ich muß nicht mehr dankbar sein, dass sie mich geboren hat. Wenn ich mich gerade angucke, wäre es wahrscheinlich besser sie hätte mich nie geboren. Mir wäre so viel Scheiße erspart geblieben. 
Ich kann nichts dafür, dass ich nicht als Junge geboren wurde. Ihre Ablehnung hat mich jahrzehntelang in absolute Krisen gestürzt. Ich war, bin und werde nie gut genug sein. Nicht für sie, aber ich bin es oft auch für mich selbst nicht. 
Ich fühle mich klein, am Boden zerstört und absolut nicht mehr bereit zu kämpfen. Ich ertrage das Leben gerade oft genug einfach nur noch. 
Letzte Woche hat dann ein Artikel über Essstörungen endgültig die lange ignorierte Wunde komplett aufgerissen. 
Ich habe 2014 in meiner Therapie schonmal mein Essverhalten thematisiert, aber nicht weiter vertieft. Danach ging es mir so gut und der Arschtritt durch 'Fettlogik überwinden' war so groß, dass ich abnahm. 
Aber das Loch in meiner Seele war nur kurzzeitig gestopft. Bei jedem Gespräch mit meiner Mutter ist es wieder aufgerissen. Jedes Mal wieder das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Nicht die Kraft zu haben, endgültig den Kontakt abzubrechen, weil man ja kein schlechtes Kind sein will. 
Gestern dann ein Termin bei meiner Hausärztin. Ich habe mir eine dicke Erkältung eingefangen. Ich muß dazu sagen, dass meine jetzige Hausärztin wirklich ein absolut wunderbarer Mensch ist. Ich habe keine Angst davor, alles offen auf den Tisch zu legen, weil ich weiß, dass sie zuhört und mir hilft. Vor mir liegt eine Überweisung zur Psychotherapie. Ambulant, weil ich zu viel Respekt vor einer stationären Therapie habe. Ich weiß, dass ich Hilfe brauche. Ich weiß, dass es hart wird und mich so vieles erwarten wird, dass ich längst verdrängt habe. Und ich hoffe, dass ich endlich ein normales Essverhalten entwickeln kann. Und negative Gefühle nicht mehr, bis zum fast Erbrechen, mit Essen ersticken will. 

Ich habe jetzt endlich die Kraft folgendes zu sagen:
Ich bin katzeontherun und habe eine binge eating disorder 

29.12.2019

2019

Ein kleiner Jahresrückblick:

In guten Kinofilmen:
Parasite (definitiv mein Film des Jahres)
The Favourite (Giorgos Lanthimos, I just love you)
Booksmart (der Mann und ich waren alleine im Kino und haben so dermaßen laut und viel gelacht)
Blinded by the Light (britisch-sozialkritisches Kino at its best, und dann noch die Musik vom Boss)
Rocketman (dieser Film ist all das, was Bohemian Rhapsody hätte sein können)
Once Upon a Time in Hollywood (die Szenen in der Villa inklusive der Gesichtskirmes von DiCaprio)
Mid90s (fuckshit, ein sehr schönes Regiedebüt von Jonah Hill)
Joker (schauspielerisch brillant)
Apocalypse Now Final Cut (ein Traum ging in Erfüllung diesen Film mal im Kino zu sehen) 
Destroyer (im Kino verpasst und im Streaming dann von Nicole Kidman umgehauen worden)
Vice (Bale ist brillant wie immer)
The Report (nicht im Kino gesehen)
Fahrenheit 9/11
John Wick 3 (nicht so gut wie der zweite aber Keanu ist immer noch top)
The Dead don't die (Adam Driver im Smart und der Millenium Falcon Schlüsselanhänger)
The Sisters Brothers

In enttäuschenden Kinofilmen:
Star Wars Episode IX - The Rise of Skywalker (ernsthaft JJ?! Dem Regisseur des Vorgängers ständig in die Fresse hauen und dann die ganze Kylo Ren Geschichte)

In älteren Filmen:
Your Name (ich habe Rotz und Wasser geheult)
Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (Roger Deakins hinter der Kamera, das kann nur epische Bilder bedeuten) 

noch geplant:
Marriage Story
The Lighthouse
The Irishman
The Beach Bum
Leid und Herrlichkeit
Van Gogh


In Serien:
Fleabag (das beste, was ich seit Jahren gesehen habe)
Good Omens (jede einzelne Minute geliebt) 
The Boys (herrlich böse, besonders ist die Szene mit dem Delfin hervor zu heben)
Peaky Blinders Staffel 5 (der gesamte Cast dieser Serie ist überdurchschnittlich gut) 
The Witcher (Toss a coin to your witcher, ich liebe es)

In enttäuschenden Serien:
Game of Thrones Staffel 8 (dazu muß man nicht mehr viel sagen, oder?!) 

In Momenten:

  • gesundheitlich auf dem Zahnfleisch: im Februar final mit CMD diagnostiziert werden und dann im Jahresverlauf endlich aufraffen um eine Aufbissschiene zu bekommen, seitdem kaum noch lähmende Kopfschmerzen oder andere Maleste
  • drei Hexenschüsse, ein mehrfach blockiertes Illiosakralgelenk
  • auf der Arbeit ein weiteres Jahr im Projekt vollmachen, die Nervkollegin hat zum Glück die Abteilung gewechselt
  • auf diesem Blog viel zu still sein, weil ich alles lieber mit dem Mann bespreche oder nach innen kehre (was sich in binge eating niederschlägt)
  • Gewichtsmäßig einfach nur zulegen und jede negative Emotion ersticken
  • miterleben, wie der Krebs weiterhin im Körper meiner Schwester tobt, inklusive OP mit dem Ergebnis künstlicher Darmausgang - da werden eigene Probleme oft verschwindend klein
  • weiterhin 3 Mal die Woche im Fitnessstudio sein. Und sehen, wie unter dem Körperfett Muskeln wachsen
  • viele schöne Momente mit dem Mann inklusive dem ersten gemeinsamen Urlaub in Dublin - u.a. Besuche am Meer (Satz des Urlaubs: 'Me ear's fucked')
  • nie an der Liebe des Mannes zweifeln
  • Birkenstocks wieder für mich entdecken
  • Nachmittage im Lieblingscafe
  • neue Brillen
  • neues, politisch hoch aktuelles, Album der Specials 
  • The Specials und Saffiyah Khan live sehen
  • das Remaster von Prince '1999' in den Händen halten
  • endgültig zu realisieren, dass ich meiner Mutter einfach total egal bin



Für 2020:

  • viele Kinofilme (Knives out, Weathering with you, Little Women, Queen & Slim, 1917 im Januar), Dune (worauf ich mich besonders freue)
  • Paul Weller wieder live sehen
  • das Software Tester Zertifikat endlich in Angriff nehmen
  • mehr lesen (hier liegt ein Stapel) 
  • mehr bloggen
  • weniger im Internet, sondern mehr im echten Leben sein
  • Zielgewicht erreichen
  • Yoga und Pilates wieder in den Alltag einbauen
  • mehr Kontakt zu Freunden
  • less bitter more glitter
  • eventuell mit dem Mann ein Blogprojekt starten


11.11.2019

Wenn die Maske fällt

Vor 8 Tagen bekam ich einen Anruf von meinem Bruder, der mit mitteilte dass er bei unserer Mutter war und es ihr nicht gut ginge. Sie liegt und kann sich nicht bewegen, weil sie starke Rückenprobleme hat. Donnerstag telefonierte ich dann mit ihr. Es gab keine guten Nachrichten bezüglich meiner Schwester und ich wollte mal hören, wie es ihr geht. Ich entschied mich spät abends nach dem Gespräch, am Freitag nach der Arbeit hinzufahren. 
Was mich dort Freitag erwartete, erschlug mich. In der ganzen Wohnung roch es stechend nach Urin und meine Mutter sah aus, als würde sie bereits mit allem abgeschlossen haben. Sie hat sich wund gelegen, am Rücken waren schon offene Stellen vom Urin. Und wenn man sie fragt, warum sie nicht zum Arzt geht wird man ignoriert. Aussage ihrerseits über ihren Zustand: Lebensmut verloren. Sie will sterben. 

Wenn ich überlege, was sich meine Mutter alles geleistet hat, hätte ich gehen können und das wäre es gewesen. Stattdessen eskalierte es so, dass ich meine Mutter gefühlt anschrie und in die Mangel nahm. Mein Bruder kam später dazu und wir trafen, zusammen mit meinem Stiefvater, die Entscheidung einen Arzt zu rufen. Ich machte sowohl den Bereitschaftsdienst, als auch den Notarzt besonders auf die psychische Situation (vermutlich schwere Depression) aufmerksam. Körperlich untersuchen lassen wollte sie sich nicht. Aber kaum war der Arzt da, ging die Show meiner Mutter los. Der Arzt hat ihr übergangsweise Antidepressiva verschrieben und sie wollte nach dem Wochenende zum Hausarzt um dann wegen einer Einweisung wegen des Rückens zu schauen. Erstmal abklären, was körperlich vorliegt. Ob meine Mutter es zulassen wird, dass man nach ihrer Seele schaut. Keine Ahnung. Diese Frau lebt in ihrer eigenen Welt, die sich so gemacht hat wie sie ihr passt. Sie lügt und sie manipuliert. 

Und sie hat mir Freitag ihr wahres Gesicht gezeigt. Ich wusste schon seit vielen Jahren, dass es die größte Enttäuschung ihres Lebens war dass ich kein Junge geworden bin. Spätestens ab der Pubertät wurde mein zunehmend weiblicher Körper negativ kommentiert und bewertet. Und bereits bei der ersten Krebserkrankung meiner Schwester wurde darüber gesprochen, wie schrecklich es ist dass ihre Wertvollste das nun hat. Freitag hat sie auch gesagt, ihr Herz sei gebrochen und es gibt keinen Grund weiter zu leben. Während ihr Mann und ich im selben Raum war. Ich habe dann nur zu meinem Stiefvater gesagt, dass es wirklich schön ist, so was vor den Latz geknallt zu kriegen. 

Als ich Freitag ihre Wohnung verließ, ging ich als andere Person. Ich weiß jetzt endgültig, dass ich meiner Mutter egal bin. Dass ich es immer war. Und ich habe es akzeptiert. 


19.06.2019

Krebsistimmernocheinarschloch

Ich will den Kopf in den Sand stecken. Alle Gefühle abstellen. Nichts mehr fühlen. Weglaufen. Rennen und nicht mehr aufhören. Meine Schwester, bei der letztes Jahr ein Tumor diagnostiziert wurde, hat zwei weitere Tumore. Eine weitere, große OP steht bevor. Ich weiß nicht mehr, was ich denken und fühlen soll. Ich fühle mich wie betäubt. Ersticke jedes Gefühl mit Essen und kann gerade damit nicht aufhören. Nächste Woche geht es in den Urlaub. Zu ihr. Und vielleicht muß sie dann schon ins Krankenhaus. Wie immer gibt keiner die Hoffnung auf. Aber im Hinterkopf sitzen natürlich all die negativen Gedanken. Die schlimmen. Die, die sich nicht abstellen lassen.

02.06.2019

I'm still standing

Irgendwann innerhalb der letzten Wochen habe ich das Tor zu meiner persönlichen emotionalen Achterbahn wieder weit geöffnet. Negative Gefühle prasselten auf mich herab, wie ein Wasserfall. Binge Eating, Wutanfälle, Streß und unendliche Traurigkeit. Abwechselnd. Oder gleichzeitig. Etliche Versuche mich an Arsch und Kragen zu packen und endlich wieder auf einen geraden Weg zu kommen scheitern. Letzte Woche geht, zu allem Überfluss, auch noch mein Kühlschrank kaputt. Ein weiterer kurzer Moment der Überforderung. Dank Mann (der schnell einen neuen bestellt) und Chef (der sehr spontan wegen Anlieferung Urlaub gibt) geht das dann alles doch sehr entspannt von statten. Weiter geht es mit freien Tagen. Freunde sehen, reden, feiern, ins Kino gehen und immer noch viel zu viel essen. Den heutigen Abend nutzen um ein paar Gedanken zu sortieren. Fast 4 Jahre sind vergangen, seit meine Abnehmreise begann. Bereits im Herbst 2015 zeichnete sich ab, dass der Weg zum Ziel steinig ist. Was tatsächlich nur an mir liegt. An fehlendem Willen und an ein emotionalem Scheiß vor dem ich nicht weglaufen kann. Dazu kommt momentan ein absolut negativer Kollege, der jeden Tag nonstop jammert. Am liebsten würde ich ihm die Tastatur rechts und links um die Ohren hauen. Aber das bringt ja nix. Am heutigen Abend versuche ich meine Gedanken zu sortieren und mich endlich wieder in Position zu bringen. Meine Kontrolle zurück zu gewinnen. Nicht alle negativen Gefühle mit Essen zu ersticken. Wieder mehr darüber zu schreiben, was gut ist. Und auch was schlecht ist. Darüber wie wenig mir meine Mutter nur noch bedeutet. Und ich es noch nicht mal bedauere. Oder es mir irgendwie weh tut. Es ist egal. Ich bin nicht die Tochter, die sie will. Sie wird nie mehr die Mutter werden, die ich mir gewünscht habe. Ich werde für immer mit dem Gefühl zurück bleiben, dass ich eh nicbt gewünscht war. Dass es immer jemanden geben wird, der mehr bedeutet oder wichtiger ist.
Ich darf aber nicht vergessen, dass auch ich ein Anrecht auf ein glückliches Leben habe. Und auf ein gesundes. Die aktuell 15 Kilo mehr sorgen schon wieder dafür, dass mein Körper mich ärgert. Ich bin wieder etwas unbeweglicher. Meine Knochen schmerzen teilweise wieder. Und Hitze macht mir zu schaffen. Außerdem passen Sachen nicht mehr. Und das stresst mich gerade am meisten. Ich möchte gerne wieder zurück zu der Person, die ich vor einem Jahr war. Und ich werde Schritt für Schritt wieder daran arbeiten. Denn eine schmerzliche Erkenntnis habe ich in den letzten Wochen gehabt: Ich kann nicht vor all meinem Schmerz flüchten

19.05.2019

Klassentreffen

Ich weiß gerade nicht, wie lange ich eigentlich schon an diesem Text rum kaue. Viel zu lange wahrscheinlich. Vor ca. 3,5 Wochen schrieb mich via Facebook eine alte Schulkollegin an. Ein Klassentreffen sei geplant. Die Freude darüber hielt sich bei mir schon in Grenzen. Aber ich stand dem ganzen noch positiv gegenüber. Bis mein Unterbewusstsein sich nachts, via massiver Alpträume, meldete. Ich wurde zunehmend gereizt, aggressiv und wütend. Ich trug mich noch in die Liste möglicher Termine für das Treffen ein und ignorierte all die Signale meines Körpers und Geistes. Irgendwann konnte ich aber die ätzenden Erinnerungen nicht mehr verdrängen. Die Erinnerungen an Demütigungen, Beschimpfungen und Tränen. Ich habe es gehasst, diejenige zu sein, auf die gezeigt wurde. Fett, hässlich und Glasbausteine genannt zu werden. Mich selber zu hassen. In der Pubertät jeden Tag sterben zu wollen.
Ich war so froh nach dem Abitur an die Uni gehen zu können. Hier war ich eine von vielen. Ich fiel dort nicht mehr auf, verschwand in der Menge und traf eine Menge toller Menschen.
Nach langem hin und her habe ich vor ein paar Tagen meine Teilnahme gelöscht. Ich möchte nicht mit rechten Spinner, asozialen Arschlöchern und generell Menschen an einem Tisch sitzen, wegen denen ich mich jahrelang schlecht gefühlt habe. Ich möchte nicht dort sitzen und ihnen gedanklich ihre Fressen zerkratzen. Ich habe nach dem Abitur alle Brücken abgebrannt. Ich wollte nicht mehr an all den Schmerz erinnert werden. Und ich möchte mich diesem ganzen Scheiß heute nicht mehr aussetzen. Und bestimmt auch nicht dem romantisiertem Gelaber irgendwelcher Pissflitschen lauschen, die dann so tun als war alles Friede, Freude, Eierkuchen. Ich muß gar nichts. Außer das tun, was für mich am besten ist. Also kein Klassentreffen. Weder in ein paar Monaten noch in ein paar Jahren.

24.02.2019

Lost & Found

Nach fast 2 Monaten ein Lebenszeichen. Irgendwie kein gutes, weil gerade so vieles einfach kacke ist. Neujahr optimistisch ins abnehmen gestartet und dann hemmungslos verkackt. Binge eating, emotionaler Stress auf der Arbeit, aufgeschwemmt sein und dann vor 1,5 Wochen plötzlich Ohrenschmerzen haben. Anfang der Woche zum Arzt gehen und denken, dass es eine Ohrenentzündung sei. Vorsichtshalber aber auch mal einen Zahnarzt aufsuchen. Könnten ja die Weisheitszähne sein. Hausärztin gibt Entwarnung: Die Ohren sind schön. Zahnärztin tippt sofort auf die Weisheitszähne, ich werde an einen Kieferchirurgen verwiesen. Mittags sitze ich auf seinem Stuhl und erfahre, dass meine Weisheitszähne erstmal drin bleiben dürfen, ich aber mit den Zähnen knirsche. Und außerdem an einer Craniomandibuläre Störung leide. Die Vertretung meine Hausärztin hatte dies letztes Jahr schonmal vermutet, als ich wegen einer heftigen Verspannung mit Taubheit im Gesicht bei ihr aufgetaucht bin. Da habe ich das aber noch als einfache Verspannung abgetan. Der Kieferchirurg hat erstmal eine flexible Aufbissschiene angefertigt, um mich schonmal etwas zu entlasten und mir außerdem Physiotherapie verschrieben. Morgen ist mein erster Termin. Seit Dienstag trage ich die flexible Schiene (eine feste kommt demnächst) und fühle mich schon um einiges besser.
Für mich ist die Diagnose ein Warnschuss. Ich muß aufhören, die ganze Scheiße in mich reinzufressen. Versuchen sämtliche negativen Gefühle mit essen oder knirschen wegzudrücken. Meine Arbeitssituation ist momentan unklar. Ich weiß nicht, ob ich im Projekt noch ein weiteres Mal verlängert werde. Plus, ich habe einen jammernden Energievampir alias Kollegin mir gegenüber sitzen, die alles besser weiß (was natürlich nicht so ist) und die alles versucht, um möglichst auch verlängert zu werden (weil sie bloß nicht in die alte Abteilung zurück will). Da sie meint, sie kann alles am besten, ist es für sie eh schon ein Affront, dass ich schon mehrfach verlängert wurde (mein Chef ist halt zufrieden mit mir). Zusätzlich ist die Kollegin beratungsresistent und unverschämt. Wenn man was sagt, fühlt sie sich gleich immer persönlich angegriffen, greift aber andere permanent an. Bis jetzt scheint fast noch niemandem aufgefallen zu sein, dass sie weder teamfähig noch besonders clever ist. Mein Kollege und ich haben den Kampf aufgegeben und versuchen uns, so gut es geht, zu distanzieren. Unserer Gesundheit wegen. Es ist nur noch etwas mehr als ein Monat und dann sehen wir sie wahrscheinlich nur noch ab und zu oder gar nicht mehr.
Ich bin gerade wirklich erschrocken, wie sehr solche Menschen das eigene Licht dimmen. Meine Arbeit macht mir momentan weniger Spaß und ich freue mich ganz oft nur noch auf das Wochenende, um dann Zeit mit dem Mann zu verbringen. Dabei hatte ich letztes Jahr so viel Spaß. Hinzu kommt, dass gerade einiges an Leerlauf da ist.
Zeit genug, um sich also selber mal wieder klein und fertig zu machen. Sich selber scheiße finden, weil man seit dem Projektbeginn fast 15 Kilo zugenommen hat. Sich selber für seine Disziplinlosigkeit hassen. Essen, weil man es mal wieder nicht erträgt gegen dümmere Kollegen in Bewerbungsverfahren zu verlieren. Frustriert sein, weil Klamotten nicht mehr passen. Bei all dem dann feststellen, dass man zurück in seinem alten Jammer Modus ist. Und über alles einfach die Kontrolle verloren hat. Auf die man seit der Abnahme so unglaublich stolz war.
Zusätzlich einen Krankheitsfall in der Familie haben. Alte Wunden aufreißen lassen. Sich an Worte der eigenen Mutter erinnern und all den Schmerz ein weiteres Mal fühlen. Jedes Mal wieder daran erinnert werden, wie wertlos man sich fühlt. Episoden blitzen auf. Aus etlichen Lebensjahren. Immer mit dem Gefühl sowieso falsch zu sein. Nie richtig zu sein.
Und dann wieder realisieren, dass es jemanden gibt für den man genau richtig ist. Seit über 4 Jahren. Einen weiteren Grund zu haben, den Kampf nicht aufzugeben. Durchatmen, den Kopf frei kriegen und einen weiteren Anlauf wagen. Hinfallen gehört dazu, aufstehen kostet Kraft. Wissen, dass da aber zwei Hände sind, die einem aufhelfen. Egal, wie oft und tief man fällt.

01.01.2019

2018

Ein kleiner Jahresrückblick:

In guten Kinofilmen:
The Killing of a sacred deer (Harter Tobak zum Jahresanfang)
Three Billboards outside Ebbing, Missouri (Frances <3)
The Disaster Artist (Mein heimlicher Film des Jahres, James Franco ist famos)
Wind River (Ich mochte die ruhige Gangart des Filmes)
Call me by your name (Definitiv der Film, in dem ich am meisten geweint habe. Seit dem Tanz von Armie Hammer stehen die Psychedelic Furs hoch im Kurs)
The Florida Project (Ich habe ja Tangerine L.A. schon geliebt. The Florida Project ist ein ebenso großartiger Film)
I, Tonya (Margot Robbie und Alison Janney, enough said)
The Death of Stalin
Lady Bird (Diese Szene, in der sich Lady Bird aus dem Auto fallen lässt. Ein sehr berührender Film über das Erwachen werden)
Isle of Dogs (Ein Film, der von seinen englischen Synchronsprechern lebt und der so dermaßen liebevoll gemacht wurde)
Deadpool 2 (Nicht so lustig wie Teil 1, aber trotzdem herrlich. Die Welt braucht noch mehr Deadpool)
Solo (Besser als erwartet. Donald Glover <3)
BlacKKKlansman (Wichtig, wütend machend und beängstigend aktuell. Als Prince am Ende 'Mary, don't you weep' sang, war ich so dermaßen am Ende)
The Man who killed Don Quixote
Bohemian Rhapsody (Hat mich mitgerissen und der Brian May Darsteller sieht aus wie Brian May)
M.I.A. / Maya / Mathangi (Pflichtprogramm als Fan)
Der Junge muss an die frische Luft (Das Ende mit dem Schwenk zum echten Hape war ein Ticken zu viel. Ansonsten aber ein wirklich unkitschiger aber unglaublich berührender Film, in dem ich viel gelacht und noch mehr geweint habe. Das Ruhrgebiet und seine Menschen sind perfekt eingefangen. Und Hape hatte die besten Ommas der Welt)
Shoplifters (Ein kleiner und feiner Film darüber, dass man sich Familie nicht aussuchen kann)

In enttäuschenden Kinofilmen:
A Star is born (Unsäglich langweilige Seichtscheiße, welche nur mit einer grandiosen Lady Gaga glänzen konnte. Ich habe mehr erwartet) 
The Room (der wohl wirklich schlechteste Film aller Zeiten, zum wegschreien...hi doggy) 

In älteren Filmen:
In China essen sie Hunde
Old Men in new cars
2001 - Odyssee im Weltraum (Traum erfüllt und zum 50jährigen Jubiläum im Kino gesehen)
Heat

In Serien:
Ja, ich gucke Serien grundsätzlich viel später als andere Menschen
Breaking Bad (Definitiv eine der besten Serien, die ich jemals gesehen habe)
Battlestar Galactica (Gesellschaftskritisch, intelligent, großartige Frauencharaktere..Kara 'Starbuck' Thrace <3. Ich habe am Ende ziemlich viel geweint)
Peaky Blinders Staffel 4 (Großartiger Cast)

In Momenten:
zum Jahresende endlich aus der Kirche austreten sein, mehrmals in Bewerbungsgesprächen knapp verloren, für ein 2,5 monatiges Projekt auf der Arbeit bewerben und jetzt schon 6,5 Monate dabei sein (und noch 3 weitere Monate vor mir haben), finanziell saniert sein, Wasser in Plastikflaschen verbannen und Leitungswasser trinken, viele Sonnentage mit dem Mann auf der Terrasse des Lieblingscafés verbringen, seit Juli 3 Mal die Woche ins Fitnessstudio gehen, beim Thema Zielgewicht total scheitern und seit dem Sommer permanent zunehmen, alle negativen Emotionen mit Essen ersticken, verdammt oft hinfallen und manchmal nur schwer wieder aufstehen können, frei von hormonellem Haarausfall sein, den Glauben an die Menschheit verlieren, vom Mann geliebt zu werden, egal wie ich gerade aussehe oder wie gut oder schlecht es mir gerade geht, kurz vor Ende des Jahres ist Krebs wieder ein Thema und damit auch wieder die Angst vor dem, was kommen wird

Für 2019:
mehr lesen, weniger aufschieben, weniger Müll produzieren, mehr bloggen, weniger offline und online shoppen, Zielgewicht erreichen, mehr Konzerte besuchen (The Specials <3), im Sommer noch mehr draußen sein, viele Filme im Kino sehen (es gibt schon einige Favoriten), mehr auf und hoffentlich weniger ab